Redebeitrag Staatssekretär Seif anlässlich des 6. IPH-Kongresses für Fenster, Türen und Fassaden aus Holz unter dem Motto „Holz schafft Arbeit“

 

Aktuelle Herausforderungen in der Forst- und Holzwirtschaft und Chancen einer verstärkten Nutzung von Holz am Beispiel Hessens“

 

Begrüßung

Ich bedanke mich für die Einladung zu Ihrem Kongress und freue mich, die Möglichkeit zu haben, Ihnen als überregionales Publikum die hessische Forst- und Holzwirtschaft näher bringen sowie Perspektiven aufzeigen zu können. Sehr gut gefällt mir das Leitthema Ihres Kongresses: „Holz schafft Arbeit“. Forst- und Holzwirtschaft sind wesentliche Arbeitsfaktoren für den ländlichen Raum und die Schaffung bzw. der Erhalt von Arbeitsplätzen hat gerade hier für uns eine besondere Bedeutung.

 

Hessen ist mit 42 % der Landesfläche das waldreichste Bundesland und liegt damit um 10 % über dem Bundesdurchschnitt. Nur Rheinland-Pfalz kann hier mit identischen Anteilen mithalten. Absolut gesehen sind das 880.000 Hektar oder anders ausgedrückt 8,8 Milliarden Quadratmeter.

 

Der größte Waldeigentümer in Hessen ist das Land selbst. Nahezu jede Stadt und Gemeinde in Hessen ist Waldbesitzer, zusammengenommen ist das ein gutes Drittel unseres Waldes. Das verbleibende Viertel hat private Besitzer und ist in Teilen sehr kleinstrukturiert.

 

Hessen ist ein Laubholzland. 56 % unserer Wälder sind mit Laubbäumen bestockt, was nahezu unseren selbst gesetzten Zielen entspricht. 1987 war das Verhältnis Laub- zu Nadelholz noch ausgeglichen. Mit dieser Baumartendiversität sind wir auch mit Blick auf die Klimadiskussionen in der Zukunft gut aufgestellt.

 

Holz ist unser bedeutendster Rohstoff. Die Vorräte in den hessischen Wäldern liegen deutlich über 250 Mio. m³. Jährlich werden davon zwischen 5 und 5,5 Mio. m³ genutzt und dem Markt zur Verfügung gestellt. Dieses Angebot besteht zu 62 % aus Nadelholz, während das flächenmäßig dominierende Laubholz den deutlich kleineren Anteil aufweist. Der Grund für das Übergewicht des Nadelholzes in der Nutzung liegen unter anderem in den hohen jährlichen Zuwächsen von Fichte und Douglasie, was letztlich dazu führt, dass diese Baumarten in ihrer Funktion als Einnahmequelle für die Forstbetriebe unersetzlich sind. Lassen Sie mich an dieser Stelle aber darauf hinweisen, dass der hessische Waldbesitz der größte Anbieter von Buchenstammholz in Deutschland ist und auch bei der Eiche eine Spitzenposition aufweist. Hessen ist damit in besonderem Maße auch auf dies Vermarktungsmöglichkeiten dieser Hölzer angewiesen, was zumindest bei der Buche im Inland bisher auf Probleme stößt.

 

Alles in allem kommen aus den hessischen Wäldern etwa 10 % des Rundholzangebots in Deutschland. Dass die hessischen Forstbetriebe bei der Nutzung und Vermarktung ihres Rohstoffes gut aufgestellt sind, zeigt die im Bundesvergleich hohe Rundholzmobilisierungsquote, die aufgrund der rasanten Nachfrageentwicklung am Energieholzmarkt im nachhaltig möglichen Rahmen noch steigen wird.

 

Auf das Thema Energie aus nachwachsenden Rohstoffen möchte ich an dieser Stelle etwas näher eingehen. Die Hessische Landesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil erneuerbarer Energien bei der Energieerzeugung bis zum Jahr 2015 in Hessen auf 15 % zu steigern. Der verstärkten energetischen Nutzung von Biomasse und damit auch von Holz kommt in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle zu. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, haben wir eine Biomassepotenzialstudie erarbeiten lassen, die die aktuelle Biomassenutzung sowie die verfügbaren technischen Potenziale an Biomasse in Hessen quantifiziert und die Möglichkeiten zur Mobilisierung bisher ungenutzter Potenziale aufzeigt.

 

Die Studie hat gezeigt, dass in einer Gesamtbetrachtung die Bioenergie unter den regenerativen Energien in Hessen das größte Potenzial hat. Basierend auf der zu erwartenden Entwicklung des Endenergieverbrauchs bis zum Jahr 2015 in Hessen zeigt sich außerdem, dass das Entwicklungspotenzial aller regenerativen Energien im Land groß genug ist, um das gesetzte Ziel des fünfzehnprozentigen Beitrags zu erreichen. Maßgebende Oberziele für den Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energieträger in Hessen sind dabei Klimaschutz, Ressourcenschonung, Energieversorgungssicherheit sowie die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe.

 

Bezüglich des Bereiches Holz als nachwachsendes Energieholzpotenzial hat die Studie festgestellt, dass in den hessischen Wäldern bei Zugrundelegung aktueller Zuwachsdaten nachhaltig und jährlich 1,7 Mio. Kubikmeter Holz allein für die Verwendung als Energieholz geerntet werden könnten. Sie können diese Studie jederzeit im Internet einsehen.

 

Mit der Gründung des Kompetenzzentrums Hessen-Rohstoffe in Witzenhausen im Jahr 2004 wurde von meinem Haus ein wichtiger Schritt getan, um Anstoß gebende Beratungs- und Informationsarbeit im Zukunftsmarkt Bioenergie zu leisten.

 

Im Sommer 2003 wurde die Region Knüll zur BIOREGIO Holz erklärt, mit dem Ziel, im Knüllgebiet bis Ende 2005 mindestens 14 Holzfeuerungsanlagen in kommunalen Gebäuden zu errichten sowie eine Holzlogistik aufzubauen. Die Zielvereinbarung der BIOREGIO Holz Knüll wurde bereits jetzt deutlich überschritten und beweist, dass Energieholz im Wettbewerb mit anderen Energieträgern mithalten kann. Vor wenigen Tagen haben wir einen neuen Wettbewerb ausgeschrieben, um weitere derartige Projekte anzustoßen.

 

Ziel all der genannten Maßnahmen ist, heimische Rohstoffe effektiv zu nutzen, konkurrenzfähige regionale Wertschöpfungsketten zu initiieren und so dem ländlichen Raum eine wirtschaftliche Zukunft zu ermöglichen.

 

Ich möchte an dieser Stelle aber auch betonen, dass für mich bei der Nutzung unseres heimischen Rohstoffes Holz zunächst die in der Regel höherwertigere stoffliche Nutzung im Vordergrund steht. Eine Verwendung von Holz als Energieträger ist aus ökonomischer Sicht nur dann sinnvoll, wenn stoffliche Verwertung keine höhere Wertschöpfung verspricht. Es besteht also eine direkte Abhängigkeit zwischen der stofflichen Verwertung und dem Umfang des Anfalls von Energieholz. Dies liegt aber nicht nur an der finanziellen Bewertung des Rohstoffs. Insbesondere beim Laubholz -und wie zu Beginn bereits ausgeführt, ist Hessen in Deutschland das Laubholzland- fällt Energieholz zwangsläufig in Form von Kronen- und Schwachholz bei der Holzernte an. Und die Kronen von Laubbäumen kann man nur schwerlich unabhängig vom Stamm ernten. Voraussetzung für die Steigerung des Aufkommens an Energieholz sind also auch zielführende, unterstützende Maßnahmen, die mit zusätzlichen Impulsen am Markt eine Anregung der Nachfrage nach Bau- und Möbelholz und damit auch für die Ihnen am Herzen liegenden Fenster, Türen und Fassaden bewirken. Ich habe daher bei einem Gespräch mit Herrn Blumenstein vor einigen Tagen erfreut zur Kenntnis genommen, dass künftig auch die Buche als Fensterholz mehr Bedeutung erhalten könnte.

 

Lassen Sie mich zur wirtschaftlichen Bedeutung von Forst- und Holzwirtschaft kommen. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder von dem gemeinsamen Boot, in dem wir sitzen, gesprochen. Gehandelt wurde aber meist sehr individuell. So überrascht es auch nicht, dass in der Einzelbetrachtung die wirtschaftliche Bedeutung unserer Gesamtbranche eher als gering eingestuft wurde. Mit der Clusterstudie „Forst und Holz Deutschland 2005“, initiiert von der Universität Münster und dem Hauptverband der Deutschen Holz und Kunststoffe verarbeitenden Industrie und verwandter Industriezweige (HDH), wurde erstmals eine Strukturanalyse der Deutschen Forst- und Holzwirtschaft durchgeführt. Orientiert hat man sich an der Clusterdefinition der europäischen Gemeinschaft, die die Forstwirtschaft, die Holz be- und verarbeitende Industrie, das Holzhandwerk, die Papierwirtschaft, das Verlags- und Druckereigewerbe, Holzhandel und -transport sowie die Zulieferindustrie umfasst. Sicher kann man darüber diskutieren, ob Verlags- und Druckereigewerbe und die Zulieferindustrie tatsächlich mit erfasst werden sollte. Zumindest ist deren Identifikation mit dem Cluster Forst und Holz sehr gering ausgeprägt.

 

Die im November vergangenen Jahres veröffentlichten Ergebnisse der erhobenen Strukturdaten haben viele, wenn nicht alle sehr überrascht. Die Studie nennt für Deutschland rd. 2 Mio. Waldbesitzer, etwa 185.000 Betriebe, mehr als 1,3 Mio. Beschäftigte und einen Gesamtumsatz von über 180 Milliarden Euro. Damit gehört unsere Gesamtbranche sowohl vom Umsatz als auch den Beschäftigtenzahlen mit zur Spitze. Ihre volkswirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Bedeutung übertrifft die bisherigen Annahmen mehr als deutlich. Ich denke, die Zahlen sprechen für sich und geben Anlass zu deutlichem Selbstbewusstsein.

 

Da aus den bisherigen Studien kaum Aussagen über die speziellen hessischen Rahmenbedingungen abzuleiten sind, hat mein Haus bei der Hessen-Agentur eine Studie in Auftrag gegeben, die neben den reinen Strukturdaten Ansatzpunkte nennen soll, die für die Weiterentwicklung der Bereiche Forst und Holz von Bedeutung sind. Auch die Zweckmäßigkeit, ob in einem folgenden Schritt regionale Forst-Holz-Cluster ähnlich verschiedener österreichischer Initiativen zu entwickeln sind, soll erörtert werden. Ziel ist, für die Landesregierung und die relevanten Interessenverbände konkrete Handlungsempfehlungen zu benennen. Ich gehe davon aus, dass mir noch in diesem Jahr die Ergebnisse der Studie vorliegen werden.

 

Meine Damen und Herren, bei einem Kongress, dessen Veranstalter Initiative ProHolzfenster heißt und der als Treffpunkt für Hersteller, Zulieferer und Händler gedacht ist, erübrigt es sich eigentlich, für eine verstärkte Verwendung unseres heimischen Rohstoffes Holz zu werben. Der Baustoff Holz erlebt seit etwa 15 Jahren eine Renaissance. Sein Marktanteil ist in diesem Zeitraum überproportional gewachsen. In Hessen liegt er im Jahr 2005 mit fast 20 % im Ein- und Zweifamilienhausbau deutlich über dem Bundesdurchschnitt, aber auch über dem des traditionellen Holzbaulands Bayern. Wenn wir den Anteil des Holzhausbaus in Österreich mit 35 % betrachten - von dem Skandinaviens möchte ich gar nicht sprechen - können wir von einem weiteren Steigerungspotenzial ausgehen, dass gehoben werden muss.

 

Holz hat seinen Ruf als moderner Baustoff wieder zurück. Es erfüllt alle Anforderungen an Dauerhaftigkeit, Belastbarkeit und Ästhetik. Seine Ökobilanz ist hervorragend, das reicht vom Wachsen des Baumes im Wald mit der Bindung des Treibhausgases Kohlendioxyd bis zum Energieeinsatz bei der Herstellung des fertigen Bauprodukts. Fachgerechter Holzbau erfüllt alle Anforderungen der Standsicherheit, des Wärme- und Feuchteschutzes, des Schallschutzes und des Brandschutzes. Dass gerade zu letzterem Punkt noch Aufklärungsbedarf besteht, sieht man an Meldungen über Brände. Wenn ein Holzhaus betroffen ist, wird das meist besonders herausgestellt und der Eindruck vermittelt, im Baustoff läge das Übel.

 

Nach einer aktuellen Umfrage des Holzabsatzfonds ziehen inzwischen 40% der potenziellen Bauherrn die Errichtung eines Holzhauses in Erwägung, drei Viertel bei der Modernisierung und Erweiterung von bestehenden Gebäuden. Gleich hoch ist der Prozentsatz unserer Bürger, die bei der Errichtung öffentlicher Gebäude eine Bevorzugung von Holz wünschen. Der spektakuläre Halleneinsturz im vergangenen Winter hat hier zu keiner Trendumkehr geführt.

 

Bei der Errichtung öffentlicher Gebäude sehe ich noch nicht alle sinnvollen Einsatzbereiche für den Baustoff Holz genutzt. Ich denke hier vor allem an Schulen, Kindergärten, Turnhallen und andere kommunale Mehrzweckgebäude. Wie oben schon erwähnt, sind nahezu alle hessischen Kommunen Waldbesitzer und müssen daher besonderes Eigeninteresse an der Verwendung ihres Holzes haben. Die Nutzung des heimischen Rohstoffes sichert Arbeitsplätze von der Urproduktion bis hin zum regionalen Handwerk. Ich freue mich daher über die vom Landessportbund Hessen ergriffene Initiative im Sporthallen- und Kindergartenbau. Nicht zuletzt auf diese Initiative geht die Errichtung einer Niedrigenergiesporthalle als DIN-Halle in Holzbauweise im vergangenen Jahr in Weilburg zurück, die Beispielcharakter hat.

 

Fach- und sachgerechter Holzbau verlangt von Planern wie von den ausführenden Handwerkern hohes Wissen und fachtechnisches Können. Da solches Wissen und Können aber nicht immer vorhanden ist, werden potenziellen Holzbauinteressenten oft andere Baustoffe empfohlen und gerade Planer können intensiv auf Bauherrenentscheidungen Einfluss nehmen. Seit langer Zeit veranstaltet daher der Landesbeirat Holz Hessen, ein Zusammenschluss aus Branchenvertretern wie interessierten Einzelfirmen, in Verbindung mit dem regionalen Fachberater Holz, früher der Arbeitsgemeinschaft Holz, heute des Holzabsatzfonds, regelmäßig Holzbautage, die aktuelle Themen rund ums Holz aufgreifen und entsprechendes Wissen und Know How vermitteln sollen. Auch der oben angesprochene Landessportbund hat an diesem Wochenende das Thema Holzbau im Rahmen einer größeren Fachveranstaltung auf der Tagesordnung. Mit der Zielgruppe, die hier angesprochen werden soll, setzt man genau auf das richtige Pferd, nämlich Architekten, Planer, Bauingenieure kommunale Entscheidungsträger und natürlich die Sportvereine.

 

An dieser Stelle möchte ich in Eigenwerbung auf eine Veranstaltung, an der das Wirtschaftsministerium des Landes beteiligt ist, aufmerksam machen, nämlich den 1. Hessischen Baugipfel am 2. November unweit von hier in Darmstadt. Er ist ebenfalls dem Schwerpunktthema „Bauen mit Holz“ gewidmet. Einzelheiten können Interessenten der leicht zu merkenden Internetadresse www.hessischer-baugipfel.de entnehmen (Flyer ist als Anlage beigefügt).

 

Die besondere Bedeutung der Entwicklung des ländlichen Raums hatte ich bereits mehrfach kurz angesprochen. Eine entscheidende Rolle spielt für mich dabei das hessische Dorferneuerungsprogramm. Es zielt insbesondere darauf ab, durch Förderung der Entwicklung wirtschaftlicher Kompetenz und mehr Wertschöpfung, durch Steigerung der allgemeinen Lebensqualität sowie durch Bewahrung des kulturellen Erbes und der regionalen Identität attraktive Wohn- und Arbeitsstandorte zu erhalten oder zu entwickeln. Ein zentrales Thema ist dabei die Erhaltung und Gestaltung der vorhandenen Bausubstanz in den Ortskernen. Hier ist hohe handwerkliche Qualität und sachgerechte Ausführung gefordert. Und hier schließt sich der Kreis zu Ihrer Initiative und zum Inhalt Ihres Kongresses. Beim Erhalt der Bausubstanz in den Ortskernen spielen Holzfenster, Holztüren, aber auch je nach Region Holfassaden eine wichtige Rolle. Sie haben auf der einen Seite die notwendige Fachkompetenz bei der Arbeitsausführung, auf der anderen Seite ist ihre Branche handwerklich geprägt und regional ausgerichtet, was den Erhalt von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum sichern hilft.

 

Meine Damen und Herren, auch wenn ich auf die Vorzüge des Holzfensters in meinen Ausführungen nur selten direkt eingegangen bin, liegen wir bei der Beurteilung dieses Rohstoffes nahe beieinander, wenn wir nicht sogar deckungsgleich sind. Ich kann die Initiative ProHolzfenster nur ermutigen, den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen. Insbesondere für ein positives Image von Holzfenstern ist ständige Kommunikationsarbeit erforderlich, auch wenn der ein oder andere glauben mag, dass es nun doch reicht.

 

Sie hatten heute, wie ich dem Kongressprogramm entnommen habe, facettenreiche und innovative Vortragsthemen und werden Ihre Tagung morgen genauso fortsetzen.

Sie haben ein klares Ziel: Der Marktanteil für Holzfenster beträgt im Jahr 2011 wieder 50%!

 

Ich wünsche mir, dass dem so sein wird.

 

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